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Ökolandbau und Nachhaltigkeit

Wie wir Landwirtschaft betreiben und welche Auswirkungen diese auf Menschen, Tiere und Umwelt hat, rückt immer weiter in das Interesse der Gesellschaft. Die ökologische Landwirtschaft bietet viele Möglichkeiten, den Ansprüchen nach mehr Nachhaltigkeit gerecht zu werden – also ökologisch, sozial und ökonomisch verträglich.

Der Ökolandbau ist ein systemischer Ansatz, der umweltschonend wirtschaftet und Ressourcen schützt. Eine Metastudie des bundeseigenen Thünen-Institutes belegt: Geht es um die Leistungen für Umwelt und Gesellschaft, liegt der Ökolandbau in den Bereichen Wasserschutz, Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Klimaschutz und Stickstoff- und Energieeffizienz deutlich vor der konventionellen Landwirtschaft.

» Thünen-Report 65 (PDF-Format)

Öko-Lebensmittel sind im Laden meist teurer als konventionelle Produkte. Doch die Preise, die Verbraucher*innen für Lebensmittel bezahlen, spiegeln deren wahre Kosten häufig schlecht wider. Denn viele soziale, gesundheitliche und ökologische Folgekosten der Lebensmittelproduktion sind in den (Laden-)Preisen nur unzureichend oder gar nicht enthalten. Bei der der Düngung beispielsweise entstehen häufig Stickstoffüberschüsse, die das Wasser belasten sowie das extrem klimaschädliche Lachgas. Die Kosten für die Wasserbereinigung übernimmt jedoch nicht der Verursacher, sondern die Allgemeinheit über steigende Wasserpreise.

» Hans-Jürgen Müller (Rede vor dem hessischen Landtag)

» Grüne Landwirtschaft in Hessen

» Landwirtschaft im Hessischen Koalitionsvertrag (PDF-Format)

Helga Willer im kritischen Agrarbericht 2019: Biolandbau in Europa – Aufwärtstrend ungebrochen (PDF-Format)

Klima und Landwirtschaft

Je länger wir mit Klimaschutzmaßnahmen warten, desto teurer wird es die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern. Bäuerinnen und Bauern haben mit extremen Wettereignissen zu kämpfen. Entschädigungszahlungen durch die Politik können keine dauerhafte Lösung sein. Ein Umdenken des ganzen Systems ist nötig.

Die gesamte Gesellschaft steht in der Verantwortung das Klima zu schützen, um das 1,5 Grad-Ziel zu erreichen – also auch die Landwirtschaft. In Deutschland sind ca. 12,5% der Treibhausgasemissionen auf den landwirtschaftlichen Sektor zurückzuführen (Flessa und Osterburg 2018). Ein großer Teil stammt aus der Tierhaltung sowie Düngung. Wir brauchen einen klimaschonenden Ackerbau, der Humus im Boden aufbaut und als CO2-Senke fungiert. Der Ökolandbau bietet durch seine positiven Effekte auf Bodenfruchtbarkeit, Wasseraufnahme- und Speicherfähigkeit viele Möglichkeiten hier anzusetzen.

Ob Präzisionslandwirtschaft und Digitalisierung das Allheilmittel auch für den Klimaschutz sein kann, stelle ich in Frage. Ich bin der Meinung, wir müssen erstmal die altbewährten Ackerbautechniken, die uns schon jetzt zur Verfügung stehen, nutzen und weiterentwickeln. Eine breite Fruchtfolge und Humusaufbau sowie der Verzicht von Pestiziden und synthetisch hergestellte Stickstoffdünger sollten hier im Vordergrund stehen.

Der regionale Anbau von Eiweißfutter muss weiter gefördert werden, um den virtuellen Flächenimport und damit Treibhausgrasemissionen zu stoppen. Die Abholzung der Regenwälder und der Transport aus Übersee sind ökologisch nicht zu verantworten. Wir brauchen eine flächengebundene Tierhaltung – mehr Klasse statt Masse.

Für ein Umdenken bedarf es nicht nur einer entsprechend fundierten Beratung für Bäuerinnen und Bauern, sondern schon einer Ausbildung an Universitäten und Berufsschulen, die Klimaanpassung- und schutz an die kommende Generation vermitteln.

Viele Bäuerinnen und Bauern tun schon viel für den Klimaschutz und sind bereit für Veränderungen. Doch einen richtigen Wandel kann es nur geben, wenn die gesamte Gesellschaft mit macht und alle auch bei sich selbst anfangen, einen Beitrag zum Erreichen des 1,5 Grad-Ziels zu leisten.

» Hülsbergen, K.-J. und Rahmann, G (2015): Klimawirkungen und Nachhaltigkeit ökologischer und konventioneller Betriebssysteme

» Mehr Klimaschutz in der Landwirtschaft (LLH)

Bäuerliche Landwirtschaft erhalten und fördern

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland ist zwischen 1975 und 2018 von 904.700 auf 266.700 geschrumpft (Statista 2019). Allein in Hessen sank die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe zwischen 1971 und 2018 von 87 600 auf 15 900 – darunter nur 4 900 Haupterwerbsbetriebe (Statistik Hessen 2019). Gleichzeitig steigt die bewirtschaftete Fläche pro Betrieb stark an. Der Jahrzehntelange Kurs der Agrarpolitik „Wachsen oder Weichen“ führte dazu, dass viele Betriebe ihre Hoftore für immer schließen mussten. Dieser sogenannte Strukturwandel betrifft nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch handwerkliche Verarbeiter*innen und den Einzelhandel. Was bedeutet diese Entwicklung für Bäuerinnen und Bauern und den ländlichen Raum?

Ich setze mich für eine zeitgemäße Agrarpolitik ein, die multifunktionale, bäuerliche Landwirtschaft unterstützt, unsere Kulturlandschaft erhält und die ländlichen Räume belebt.

Deshalb wollen wir das Höfesterben aufhalten und Landwirtschaft für junge Menschen wieder attraktiver gestalten. Das kann nur gelingen, wenn sich politisch sowie gesellschaftlich Einiges ändert und der Trend zu immer größeren Betrieben gestoppt wird. Eine umwelt- und tiergerechte Landwirtschaft gibt es nicht zum Nulltarif. Wir brauchen eine angemessene Wertschätzung für die Arbeit von Bäuerinnen und Bauern.

» Jan Douwe van der Ploeg im kritischen Agrarbericht 2019: Wachsen oder Weichen – über widersprüchliche Agrarentwicklungen und ihre vielfältigen Gründe

Soja in deutschen Futtertrögen

Sojaschrot ist ein bedeutender Eiweißträger in der Tiernahrung und dies insbesondere in der Schweine- und -Geflügelhaltung. Laut WWF werden 80 % der importierten Sojabohnen zu Futtermittel verarbeitet. Die verwendete Sojamengen wachsen nicht auf heimischen Böden sondern zum größten Teil auf dem amerikanischen Kontinent. USA, Argentinien und Brasilien sind Hauptanbauländer. Ein großer Teil in diesem Ländern angebauten Sojapflanzen, ist durch den gentechnisch Veränderungen an den Einsatz von Glyphosat angepasst.

Mit Blick auf ökologisch produziertes Soja nehmen die Anbauflächen insbesondere in China und Osteuropa zu. In Deutschland wird in noch geringen Mengen Soja nach Bio-Richtlinien angebaut.

Nach WWF hat sich in den letzten 50 Jahren die Produktion Soja verzehnfacht. Diese extreme Ausweitung hat z.B. in Brasilien massive Folgen: Beträchtliche Flächen des tropischen Regenwaldes und Savannen werden zur Ausweitung von Ackerflächen gerodet. Schon jetzt werde nach Statistiken der FAO, 40% der Ackerflächen in Brasilien für den Sojaanbau verwendet. Damit werden empfindliche Böden degeneriert, der Gehalt an Bodenhumus nimmt rapide ab und die Erosion zu. Zudem gehen einzigartige Lebensräume für Pflanzen und Tiere verloren, was wiederum die prozesshafte Reduzierung der Artenvielfalt extrem beschleunigt. Auch die lokale Bevölkerung wird durch die Ausweitung des Anbaus in Mitleidenschaft gezogen – die neue Regierung unter dem Präsidenten Bolsonaro fördert gezielt die Ausweitung der industriellen Landwirtschaft und damit den Sojaanbau.

Indigene Bevölkerungsgruppen werden, nach einer Studie über Landrechte in Lateinamerika von FIAN 2019, von ihren Lebensräumen vertrieben, was wiederum zur Folge hat, dass ihnen damit ihre Lebensgrundlage entzogen wird. In letzter Konsequenz bedeutet dies ein menschenunwürdiges Leben in den Slums der Großstädte. Laut FIAN kommt es in mit der Ausweitung der Ackerflächen immer wieder zu massiven Menschenrechtsverletzungen.

» WWF Studie: Trotz EU-Verbots essen wir genmanipuliertes Soya

» FIAN veröffentlicht Überblick zu Landrechten

Antônio Andrioli, Vize-Rektor der Universidade Federal da Fronteira Sul, sagt in einem von Brot für die Welt veröffentlichen Interview (Jan. 2019) dazu: „Ein sehr konkreter Schritt wäre es, die Importe von pestizidverseuchtem und mit ungerechten Arbeitsverhältnissen produziertem Soja zu reduzieren. Denn sie führen zu Abholzung von Wäldern und zur Vertreibung von Bauern wie Uhreinwohnern. Es ist wichtig Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in der Sojaproduktion zu dokumentieren und die Zivilgesellschaft aufzuklären.“

Dabei kann es auch anders gehen:

  • Ein erster kleiner Schritt ist, nachhaltig zertifiziertes Soja zu verfüttern. Dazu wurden bereits Standards geschaffen: ProTerra (www.proterrafoundation.org/ )und RTRS (Round Table on Responsible Soy Association, www.responsiblesoy.org).
  • Der Anbau von Eiweißpflanzen in Deutschland muss ausgeweitet werden. Dies nutzt nicht nur dem Erhalt der Artenvielfalt und Fruchtbarkeit der Böden, sondern reduziert die oben kurz skizzierten negativen Folgen in anderen Anbauländern. Eiweißpflanzen, die in Betracht kommen, sind sowohl Körnerleguminosen, wie Erbsen, Ackerbohnen, Lupinen wie auch feinsamigen Leguminosen wie z.B. Luzerne. Jedoch bedarf es dabei einer weiteren Verbesserung des Saatgutes und weitere Forschung zur Optimierung der Anbaumethoden und der Fütterung.

Konsequenterweise ist zu fordern, dass im Rahmen der Reform der gemeinsamen Agrarpolitik der EU, der Anbau von Eiweißträger in Verbindung mit der von Landwirten erbrachten Umweltleistungen besonders gefördert wird. Diese Forderung wurde bereits anlässlich der letzten Agrarreform (2015) von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis zivilgesellschaftlicher Verbände und grüner Politiker auf den Weg gebracht, jedoch noch nicht ambitioniert genug umgesetzt.

Mit Blick auf die hessische Agrarpolitik lässt sich festhalten, dass bereits richtungsweisende Ansätze realisiert wurden. So, z.B. das Förderprogramm „Vielfältige Fruchtfolge“ in Hessen. Dieses Programm fördert den Ausbau von Eiweißpflanzen. Im aktuellen Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass dieses Programm neu aufgelegt wird.