Gemeinwohl muss sich auch in der Bilanz lohnen

Regionalwert-Ansatz liefert neue Impulse für eine leistungsorientierte Agrarförderung

Trotz hochsommerlicher Temperaturen von rund 34 Grad diskutierten am vergangenen Donnerstag mehr als 30 Interessierte im Witzenhäuser Rathaussaal über die Frage, wie Leistungen der Landwirtschaft für Umwelt und Gesellschaft künftig wirtschaftlich anerkannt werden können. Im Mittelpunkt stand dabei der Regionalwert-Ansatz des Landwirts und Betriebswirts Christian Hiß. Eingeladen hatte der Verein Zentrum für ökologische Landwirtschaft und nachhaltige Regionalentwicklung (ZÖL).

Hiß stellte mit der Regionalwert-Leistungsrechnung ein Instrument vor, das Leistungen wie Bodenfruchtbarkeit, Biodiversität, Humusaufbau, gute Ausbildung oder regionale Wertschöpfung systematisch erfasst und bewertet. Das Modell wurde über viele Jahre gemeinsam mit Praktiker*innen konzipiert und stetig weiterentwickelt. Die Grundidee: Gemeinwohlleistungen dürfen für landwirtschaftliche Betriebe kein wirtschaftlicher Nachteil sein, sondern müssen sich künftig auch betriebswirtschaftlich auszahlen.

Im anschließenden Podium diskutierten Hiß gemeinsam mit Prof. Dr. Bettina König (Universität Kassel), Ines Wollschak (Markthalle Werra-Meißner) und dem agrarpolitischen Sprecher der GRÜNEN im Hessischen Landtag, Hans-Jürgen Müller, wie der Regionalwert-Ansatz in Wissenschaft, Vermarktung und Agrarpolitik weiterentwickelt und praktisch angewendet werden kann.

„Der Regionalwert-Ansatz zeigt: Die Instrumente, um Gemeinwohlleistungen sichtbar zu machen, sind vorhanden. Jetzt müssen wir den nächsten Schritt gehen und sie auch zur Grundlage politischer Entscheidungen machen. Wer Klima, Artenvielfalt, sauberes Wasser und regionale Wertschöpfung stärkt, muss dafür künftig auch wirtschaftlich bessergestellt werden“, sagte Müller.

Vor dem Hintergrund der laufenden Verhandlungen zur Gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union wurde insbesondere über neue Fördermodelle diskutiert. Ein Ansatz könnte darin bestehen, Regionen künftig stärker in die Verantwortung zu nehmen und ihnen Budgets zur Verfügung zu stellen, mit denen Landwirtschaft, Kommunen und Zivilgesellschaft gemeinsam festlegen, welche Gemeinwohlleistungen vor Ort besonders wichtig sind und wie diese honoriert werden.

„Wir brauchen einen Perspektivwechsel in der Agrarförderung. Entscheidend sollte künftig nicht mehr in erster Linie sein, wie viele Hektar ein Betrieb bewirtschaftet, sondern welchen Beitrag er für das Gemeinwohl leistet. Der Regionalwert-Ansatz liefert dafür einen konkreten und praxisnahen Vorschlag, der nicht zuletzt der vielfältigen und kleinstrukturierten Landwirtschaft im Werra-Meißner Kreis zugutekommen würde“, so Müller abschließend.

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